Wirtschaft

Mit Kreativität aus der Krise

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Kundinnen und Kunden schicken Zelda Czok via WhatsApp Fotos kränkelnder Pflanzen, und sie berät per Videotelefonat.

Dann folgt das, was der US-Soziologe George Ritzer als „McDonaldisierung“ bezeichnet: austauschbare Innenstädte mit identischen Ladenketten, standardisiertem Produktangebot, hoher Parkhausdichte und einheitlichen Öffnungszeiten. Einfach anreisen, gezielt einkaufen, schnell wieder weg. Modernes Innenstadt-Shopping ist effizient, kalkulierbar und durch die Standardisierung klar vorhersagbar. Die Komplexität der unübersichtlichen Gesellschaft wird in der Einkaufsstraße minimiert. Vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern kommt das entgegen. Zugleich kritisieren viele die Monokultur ihrer Stadt. Sie wünschen sich kleine lokale Geschäfte, besondere Sortimente und Authentizität. Ein Widerspruch, dem sich die Verbraucherinnen und Verbraucher bewusst sind: 83 Prozent der Deutschen sehen ihr Einkaufsverhalten als Ursache für das Ladensterben, wie eine Studie der Das Telefonbuch-Servicegesellschaft ergab.

Es gibt jedoch Städte, in denen die Bürgerinnen und Bürger kreativ und erfolgreich für das Zentrum gekämpft haben – wie in Ebermannstadt in Oberfranken, knapp 7000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Gemeinde stellte eine „Zentren-Managerin“ an und veranstaltete einen Wettbewerb für die beste Geschäftsidee. Heute gibt es ein halbes Dutzend neue Händlerinnen und Händler. Davon lasse sich lernen, findet der Hanauer Unternehmensberater Stefan Müller-Schleipen. Im Sommer 2020 gründete er „Die Stadtretter“, ein Onlinenetzwerk, in dem sich aktuell 560 Kommunen mit dem Einzelhandel, Stadtplanungsbüros und Immobilienbesitzerinnen und -besitzern über Lösungen für Innenstädte austauschen. „Bisher gab es keinen Dialog“, sagt Müller-Schleipen. „Doch warum sollte eine Kleinstadt in Bayern eine Idee neu erarbeiten, die in Norddeutschland bereits erfolgreich läuft?“

Manche Städte versuchen den Onlinehandel mit den eigenen Waffen zu schlagen und gründen Internetportale für den lokalen Einzelhandel – von kommerziellen Portalen bis zu Gratis-Plattformen örtlicher Vereine und Stadtviertel. „Online ist für kleine Geschäfte eine Riesenchance, sich neu zu positionieren“, sagt Handelsexperte Hudetz. Dafür müsse der Anbietende aber im Onlinehandel mehr sehen als nur einen neuen Verkaufskanal. Es reiche nicht, im Netz einfach Waren anzubieten, die es auch woanders gebe. „Man muss die Online- und Offlinewelt verknüpfen, um neue Kundenservices und einzigartige Einkaufserlebnisse zu entwickeln. Emotionalität und Authentizität, das sind die Erfolgsfaktoren der Zukunft“, sagt Hudetz.

„Uns auf das zu konzentrieren, was wir wirklich sein wollen, ist für uns Fachgeschäfte eine Riesenchance.“

Zelda Czok vom Concept Store „Winkel van Sinkel“

Im Hamburger Concept Store „Winkel van Sinkel“ verkauft Zelda Czok einen Mix aus Topfpflanzen und holländischem Design.

Manch kleiner Laden ist besser durch die Pandemie gekommen als erwartet – weil er klein ist und nicht im Zentrum liegt. Was ein Standortnachteil war, ist jetzt ein Vorteil: Viele Menschen arbeiten zu Hause und kaufen um die Ecke ein. Kleine Läden können schneller und flexibler auf die Wünsche der Kundinnen und Kunden eingehen als eine große Filialkette. Nicht zuletzt ist die Beziehung zur Kundschaft deutlich persönlicher – es sind die alten Werte, die wieder zählen.

Das Spannendste für kleine Läden sind dabei die sozialen Medien. WhatsApp-Beratung, Click & Collect, Instagram-Shopping – dank Corona-Shutdown entdecken viele Einzelhändlerinen und -händler, welches Servicepotenzial in den sozialen Netzen steckt.

Wie es funktionieren kann, zeigt Zelda Czok. In ihrem Hamburger Concept Store „Winkel van Sinkel“ verkauft sie einen Mix aus Topfpflanzen und holländischem Design. Als im vergangenen Jahr die Läden schließen mussten, hatte sie mehr als 800 Pflanzen vorrätig – wie nun die grüne Ware verkaufen? Czok besaß damals keinen Webshop, kurzerhand richtete sie einen Instagram-Ausverkauf ein. In weniger als 24 Stunden hatte „Winkel van Sinkel“ über 900 Instagram-Follower gewonnen, für ein Unternehmen dieser Größe enorm. Schnell stieg Czok auch in die Onlineberatung ein.

Die Zukunft des Einzelhandels

64 000

Handelsbetriebe werden bis zum Jahr 2030 vom Markt verschwinden, schätzt das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) – und dabei sind die Auswirkungen der Coronakrise noch nicht einmal mitgerechnet. Und die wirke „wie ein Brandbeschleuniger“, sagt IFH-Chef Kai Hudetz.

1,15 Mrd. Euro

Umsatz pro Tag fällt den deutschen Einzelhändlern durch die coronabedingten Schließungen weg. Das hat der Handelsverband Deutschland (HDE) berechnet. Viele Städte planen eigene Rettungsfonds. Der HDE fordert zusätzlich 500 Millionen Euro für die Wiederbelebung der Innenstädte.

Nun schicken ihr Kundinnen und Kunden per E-Mail oder WhatsApp Fotos kränkelnder Pflanzen oder des potenziellen Standorts für weitere Gewächse. Czok und ihr vierköpfiges Team geben Pflegetipps, schlagen die optimalen Pflanzen für die jeweiligen Standorte vor. Auf Wunsch beraten sie per Videoanruf. Die Kundin oder der Kunde bekommt die Ware per Kurier oder holt sie nach Absprache am Laden ab.

Auch einen Onlineshop will Czok nun aufbauen. Der Shutdown sei hart, sagt sie, aber in der Krise stecke auch die Chance, sich weiterzuentwickeln: „Neue Systeme etablieren, vor denen wir uns lange gescheut haben. Uns untereinander vernetzen und voneinander lernen. Uns auf das konzentrieren, was wir wirklich sein wollen. All das ist für uns Fachgeschäfte eine Riesenchance.“

Auch Schreibwarenhändlerin Barthel sieht es so, ihr Konzept für die Zukunft steht schon: „Ich baue das Geschäft mit meinen Designerkarten aus“, sagt sie. „Papier anfassen, Muster sehen, individuelle Beratung – das ist es, was die Kunden wollen.“ Sie eilt zur Tür, es hat geklingelt, eine Kundin holt eine Bestellung ab. Gibt es auf Dauer sogar einen Aufschwung für kleine Läden? Britta Barthel lächelt selbstbewusst: „Das liegt allein an uns selbst, es hängt davon ab, was und wie wir es machen.“

Daniela Schröder arbeitet als freie Reporterin und Autorin mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsreportagen für Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie wurde mehrfach für den renommierten Henri-Nannen-Preis und den Deutschen Journalistenpreis nominiert.

Zelda Czok hat mit Instagram einen neuen Werbekanal gefunden – nicht nur für ihre Kakteen.