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Mehr Demut wagen

Viele Staaten haben die Coronakrise deutlich besser gemanagt als Deutschland. Doch Selbstzufriedenheit ist mittlerweile Staatsräson.

Text: Frederic Spohr Illustration: Emmanuel Polanco

Angenommen die einzige Informationsquelle eines Aliens zur Lage unseres Planeten wäre die Bundespressekonferenz. Deutschland, so würde der Außerirdische denken, wäre der reinste Musterstaat.

Zweifel am Krisenmanagement wischt Regierungssprecher Steffen Seibert schneller beiseite als man Warn-App sagen kann. Impfstoffmangel? Dass der Impfstoff überhaupt schon verfügbar sei, wäre ja bereits eine tolle Erfolgsgeschichte. Was Seibert nicht sagt: Die Helden der Geschichte sind die forschenden Pharma-Unternehmen. Die Erfolgsstory Impfstoff endet genau dort, wo die Bundesregierung ihren großen Auftritt hat - bei der Beschaffung und Verteilung.

Das Überraschende ist, dass Seibert und sein Arbeitgeber damit oft durchkommen. Maskenfiasko, Impfstau und Schulchaos – doch sogar manche Oppositionsparteien scheuen davor zurück, die Fehler klar zu benennen. Gemeinsam mit der Regierung und ihren Beratern wird das Narrativ verteidigt: Im Großen und Ganzen sei Deutschland doch ganz gut durch die Krise gekommen. Selbstzufriedenheit ist Staatsräson - trotz mehr als 70.000 Toten. In Relation zur Einwohnerzahl hatte Deutschland laut der Website WorldoMeters Ende Februar mehr Covid-Opfer als 177 andere Staaten.

Dabei macht das Corona-Misere nur deutlich, was bereits in den vergangenen Jahren immer offensichtlicher wurde: vom Mythos deutscher Effizienz ist wenig übrig. Den Beginn der Impfstoffverteilung managt man in Deutschland mit Stift, Papier und Tabellenkalkulation. Selbst in Indonesien ging man das logistische Problem digital an und kooperierte pragmatisch mit dem Messengerdienst WhatsApp.

In Deutschland hat sich aber ein unsportliches Phänomen etabliert: Läuft etwas im Ausland schief, zeigen Medien und Politiker hämisch mit dem Zeigefinger darauf. Die Kommentare der verheerenden Corona-Situation in den USA im Sommer 2020 grenzten an Schadenfreude. Zufrieden klopfte man sich auf die Schulter, dass der autoritäre Clown sein Land wie prognostiziert gegen die Wand fährt. Dumm nur, dass Deutschland und Europa ein paar Wochen später schlechter dastanden.

„In Deutschland hat sich aber ein unsportliches Phänomen etabliert: Läuft etwas im Ausland schief, zeigen Medien, Politikerinnen und Politiker hämisch mit dem Zeigefinger darauf.“

Ist das Ausland aber überlegen, ignorieren das die Verantwortlichen in Deutschland oder suchen nach Ausreden: Statt sich am Versagen von Ex-Präsident Donald Trump zu ergötzen, hätte man lieber mal nach Ostasien blicken sollen. Schon im Frühling des vergangenen Jahres war klar, dass viele Staaten in Fernost erfolgreicher gegen das Virus kämpften – auch, weil sie aus den Fehlern früherer Epidemien ihre Schlüsse zogen. Aber schnell hieß es in Deutschland: Diese Länder seien ja auch viel größer, kleiner, Inseln, dichter besiedelt, dünner besiedelt oder mit besserem Wetter gesegnet.

Gerne verwiesen die Verteidiger der deutschen Pandemiepannen auch auf autoritäre Herrschaftsformen einiger Coronabezwinger, beispielsweise China oder Vietnam. Dahinter steht der gefährliche Gedanke, dass autoritäre Regime im Krisenfall per se effektiver reagieren würden. Die besonders Radikalen verweisen dann auf den brutalen Mailänder Stadtherrn Luchino Visconti. Der ließ im Jahr 1348 die Pest-Kranken in ihren Häusern einmauern und dämmte die Seuche so wohl erfolgreich ein.

Wer so argumentiert, macht es sich arg einfach. Viele der erfolgreicheren Regierungen sind demokratisch, beispielsweise Südkorea, Japan oder Taiwan. Außerdem: Was ist eigentlich autoritärer als monatelange Kontaktverbote, Ausgangssperren und Zwangsschließungen – die sich in Deutschland mittlerweile in den fünften Monat ziehen?

Falls der Kampf gegen die Coronakrise tatsächlich auch Wettbewerb der Systeme ist, hat die liberale Demokratie ihn nicht verloren. Aber Deutschland hat während der Pandemie die Ideale der liberalen Demokratie teilweise verraten. Renommierte Experten wie der Epidemiologe Klaus Stöhr wurden trotz Drucks aus den eigenen Reihen nicht konsultiert – wohl auch, weil er ein heftiger Kritiker der strengen Regierungslinie ist. Doch demokratischer Diskurs benötigt Dissens, eine ehrliche Fehlerkultur und den Mut, eingeschlagene Wege auch wieder zu verlassen.

In der Start-up-Szene hat sich die „Fuckup Night“ als Eventformat etabliert: Unternehmer berichten dabei von ihren fehlgeschlagenen Projekten. Die heilsame und offene Fehleranalyse setzt Demut voraus sowie die Bereitschaft zu lernen. Und zwar auch von solchen, die erfolgreicher sind als man selbst. Gäbe es eine Fuckup Night für Politiker – die Coronakrise wäre ein hervorragender Anlass.

Frederic Spohr lebt seit 2012 in Asien und arbeitete zunächst als Südostasien- und Indienkorrespondent für deutsche Medien. Seit 2019 leitet er die Teams der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Thailand und Myanmar.