Gesellschaft

Liberale Vordenkerinnen

Frauenbewegung und Liberalismus – geht das zusammen? Sehr gut sogar, wie die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland zeigt. Viele ihrer führenden Persönlichkeiten waren mit verschiedenen liberalen Strömungen eng verbunden. Drei von ihnen stellen wir hier vor.

Text: Kerstin Wolff & Mirjam Höfner Illustrationen: Sasan Saidi

Die Revolutionärin

Louise Otto-Peters und das Frauenwahlrecht

Louise Otto-Peters kam am 26. März 1819 in Meißen zur Welt. Schon früh entschloss sie sich, ihr Leben der sozialen und politischen Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren rebellischen Texten geriet sie in Konflikt mit den Zensurbehörden, die sie zwangen, ihre sozialkritischen Romane und Erzählungen zu entschärfen. Sie engagierte sich in der bürgerlichen Revolution von 1848 und setzte große Hoffnungen auf die Nationalversammlung in Frankfurt. Aber sie erkannte trotz aller Euphorie, dass der Ausschluss von Frauen aus dem politischen Geschehen ein Geburtsfehler der Revolution war. Sie rief eine eigene Frauen-Zeitung ins Leben, in der sie sich offen und direkt für das Frauenwahlrecht aussprach. Noch bekannter wurde sie, als sie 1865 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) gründete, der zum Ausgangspunkt der organisierten Frauenbewegung in Deutschland wurde. Als sie 1895 in Leipzig starb, wurde sie von den Aktivistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung als eine liberale Vorkämpferin für Frauenrechte gefeiert, die auch das Staatsbürgerrecht der Frau nie aus dem Blick verloren hatte.

Die Theoretikerin

Helene Lange und die Mädchenbildung

Helene Lange betonte Zeit ihres Lebens, dass sie im Revolutionsjahr 1848 auf die Welt gekommen war und erklärte so ihre liberale Gesinnung und ihren Widerspruchsgeist. Mit 23 Jahren ging sie nach Berlin, um Lehrerin zu werden. Hier lernte sie die Frauenbewegung kennen und begann sich zu engagieren. Berühmt wurde sie, als sie mit fünf anderen Frauen eine Petition einreichte und auf eine Verbesserung der Mädchenbildung drängte. Diese Schrift wurde zum entscheidenden Anstoß zur Reform des Mädchenschulwesens. Als sich 1908 die politischen Parteien für Frauen öffneten, trat Helene Lange in eine der liberalen Parteien ein, in dem freudigen Gefühl, „eine neue Welt zu betreten“, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schrieb. Als Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) erlebte Helene Lange 1918/19 die Einführung des Frauenwahlrechts. Sie eröffnete am 24. März 1919 als Alterspräsidentin die erste Hamburger Bürgerschaft. Am 13. Mai 1930 starb sie in Berlin.

Die Traditionsstifterin

Dorothee von Velsen und das Staatsbürgerrecht der Frau

Die 1883 geborene Oberschlesierin Dorothee von Velsen kam über die Fürsorge zur liberalen Frauenbewegung. Sie lernte 1910 an der Alice-Salomon-Schule in Berlin die großen Frauen um Helene Lange und Gertrud Bäumer kennen. Nach intensiven Jahren als Kriegsfürsorgerin in deutschbesetzten Gebieten an der Seite von Marie-Elisabeth Lüders trat sie 1918 in die DDP ein. Anfang der 1920er-Jahre leitete sie den DDP-Kulturausschuss. Darüber hinaus war sie maßgeblich in der Frauenbewegung der Weimarer Republik tätig. Sie leitete den von Louise Otto-Peters gegründeten ADF, der unter ihr in „Deutscher Staatsbürgerinnen-Verband“ umbenannt wurde, und machte die deutschen Frauenorganisationen nach dem Ersten Weltkrieg wieder international anschlussfähig. Während des Nationalsozialismus zog sie sich aufs Land zurück und schrieb erfolgreich historische Romane. Mit Kriegsende 1945 war sie führend am demokratischen Wiederaufbau beteiligt: Sowohl in der sich langsam wieder organisierenden Frauenbewegung als auch in der neugegründeten bayerischen FDP. Für ihre liberalen Leistungen erhielt sie 1955 das Bundesverdienstkreuz. Sie starb 1970 in Oberbayern.