Wirtschaft

Klimaneutral im ganzen Quartier

Gebäude sollen klimaneutral werden. Statt die politischen Vorschriften dafür auf Einzelgebäude auszurichten, wäre ein Ansatz sinnvoll, der Quartiere zusammenfasst.

Text: Bettina Stark-Watzinger Foto/Illustration: browndogstudios/Getty Images/iStockphoto, Thomas Trutschel/photothek.net

Deutschland hat sich zu Klimaschutzzielen verpflichtet. Diese lassen sich nur einhalten, wenn insbesondere der Energieverbrauch von Gebäuden nachhaltig sinkt. Gebäude haben einen erheblichen Anteil am Gesamtbedarf an Energie: gut ein Drittel. Damit sind sie auch für den Umfang der Treibhausemissionen von wesentlicher Bedeutung. Nach dem Klimaschutzplan der Bundesregierung sollen die von Gebäuden verursachten Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 67 Prozent sinken. Bis 2050 soll der Gebäudebestand sogar nahezu klimaneutral werden. Diese Ziele gilt es mit möglichst geringen ökonomischen und sozialen Kosten zu erreichen. Doch das ist aktuell nicht der Fall.

Um das Energieeinsparpotenzial im Gebäudebestand zu mobilisieren und Neubauten energieeffizient zu gestalten, setzt die Bundesregierung auf ordnungsrechtliche Maßnahmen, Förderprogramme sowie preislenkende Steuern und Abgaben. Wesentliches ordnungsrechtliches Element ist das neue Gebäudeenergiegesetz, das die Energieeinsparverordnung ablöst und deren Inhalte mit dem Energieeinsparungsgesetz und dem Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz zu einer einheitlichen Regelung verbindet. Die Mindestanforderungen an Wärmedämmung und Heizungstechnik bleiben nahezu unverändert. Die Förderprogramme wiederum orientieren sich an dem Leitsatz: Je besser die Energieeffizienz ist, desto mehr Geld gibt es. Gefördert wird unter anderem die Wärmedämmung von Wänden, Dachflächen, Keller- und Geschossdecken, die Erneuerung von Fenstern und Außentüren, die Optimierung der Heizung und die Erneuerung der Lüftung. Oft sind private Bauherrinnen und Bauherren und Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer Ansprechpartner dafür.

„Wohnungsbaugesellschaften können von Größenvorteilen profitieren – anders als einzelne Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer.“

Wesentlich schneller und effizienter ließen sich die Ziele aber erreichen, wenn sich die großen Bestandshalter in Form von Wohnungsbaugesellschaften diesen Zielen verpflichtet fühlten und entsprechende Maßnahmen in die Praxis umsetzten. Sie können anders als Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer von Größenvorteilen profitieren. Wie sie innovativ auf ökologische, ökonomische und soziale Herausforderungen reagieren können, zeigt die kommunale SAGA-Unternehmensgruppe in Hamburg. Sie fasst mehrere Gebäude zu einem Quartier zusammen, in dem sie ein Optimum an energetischen Maßnahmen umsetzt. Damit gelingt es voraussichtlich, die Hamburger Klimaschutzziele zu erreichen – ganz im Gegensatz zur Einzelgebäudeoptimierung, mit der diese Ziele wohl deutlich verfehlt werden.

Durch innovative Ansätze zur regenerativen Wärme- und Stromversorgung sind die CO₂-Vermeidungskosten in diesem Quartiersszenario zudem mit 753 Euro je vermiedener Tonne CO₂ um 176 Euro niedriger als im Einzelgebäudeszenario. Das entlastet auch die Mieterinnen und Mieter erheblich. So wächst die Bestandsmiete im Quartiersszenario von 6,70 Euro je Quadratmeter auf 9,29 Euro – im Gebäudeszenario dagegen auf 10,31 Euro. Jeden Monat kann also rund ein Euro je Quadratmeter an Miete gespart werden. In einer Wohnung mit 80 Quadratmetern Wohnfläche sind das fast 1000 Euro im Jahr.

Kurzfristig ließen sich sogar mehrere Quartiere zu einer Flotte zusammenzufassen, um weitere CO2-Einsparpotenziale zu heben, beispielsweise durch die regenerative Erzeugung von Strom. Auch ließen sich Anreize für private Eigentümerinnen und Eigentümer schaffen, sich an den energetischen Maßnahmen zu beteiligen. Sie könnten an Synergieeffekten in der Wärme- und Stromversorgung sowie an innovativen Mobilitätskonzepten teilhaben. Mittelfristig gilt es, die Innovationsklausel des Gebäudeenergiegesetzes weiterzuentwickeln, um eine quartiersübergreifende Energie- und CO₂-Bilanzierung zwischen den einzelnen Quartieren einer Flotte zu ermöglichen. Auch ein Handel mit CO₂-Zertifikaten zwischen den Akteuren wäre denkbar.

Auf jeden Fall aber muss der Klimaschutz mit ökonomischem Sachverstand Hand in Hand gehen, auch um Akzeptanz zu gewinnen.